RADIO VICE. 📻

„We are wild, honey.“



Vor ihm die Straße, der Asphalt im Regen sieht fast lila aus. Das rote Neon einer Reklame spiegelt sich zitternd darin.
Neben ihm seine Waffe und Marke. Eigentlich will er aufhören und abhauen. Aber die Finger schließen sich nur ruhelos um das Bakelitlenkrad. „Ich will den Shit hier einfach hinter mir lassen. Irgendwo mein Glück finden.“ Dachte er.
Der Nebel von Whiskey schleicht noch durch seine Gedanken.
Er liebte es frei zu sein. Durch die Straßen zu ziehen und den Geruch von Benzin in der Nase. Irgendwo Frauen auf zu gabeln und mit Lust seine Sinne und Gedanken zu betäuben. Muss doch möglich sein. Er passte mit seinen gelösten gar nicht zum Image eines Polizisten.
Mit der Hand rollte er ein paar hundert Dollar zusammen und startete dann den Motor.
Entschluss gefasst. Weg. Egal wohin, egal wer dann nach ihm suchen würde. Las Vegas hinter sich lassen. Die Drogen und Glücksspielsüchtigen vergessen.
Begriffen sie nicht, dass sie schon längst verloren hatten?
Irgendwie kam er an. Zwischen Utah und Iowa stieß er auf eine Stadt, die nicht gealtert war seit den 60iger Jahren.
Die Zigarette begann zu glimmen, als er sie ansteckte. Der Rauch verwirbelte und zog aus dem halb geöffneten und beschlagenem Fenster. Mehrere Lkws donnerten an ihm vorbei, als er in eine Seitengasse abbog und zum Stehen kam.
Er hörte schon wieder diese Stimme. Sie schlich aus seinem Radio. Er drehte es lauter und da war sie. Golden erschien sie ihm. Der Klang dieser Frau durch die Boxen seines alten Wagens, lies in genüsslich die Augen schließen und zurück lehnen. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren, wenn er sie im Radio hörte. Betty war hin und wieder Gast im Dust Vibe Radio und erzählte zwischen den alten verwässerten Elvis Songs von einer besseren Welt. Einer von Freiheit und Träumen.
Dabei schien ihre Stimme immer wie in einer zaghaften Melodie zu vibrieren. Zumindest bildete er sich das ein.
Das Zischen des Bierdeckels, als er sich eine der Flaschen öffnete, die er ebenfalls neben sich auf dem Beifahrersitz deponiert hatte, schien ihre Stimme kurz zu überlagen und anzuhalten, doch dann sprach sie unbeirrt weiter.
Irgendetwas machte ihn so wahnsinnig sehnsüchtig, wenn er sie hörte. Es war, als ob sie ihn rufen würde. Er wusste, das tat sie nicht. Sie kannte ihn nicht und er sich nicht. Aber es war, als fordere sie ihn und auch jeden anderen dazu auf, mit ihr zu tanzen. Irgendwie zwischen den verblichen Asphalt der Straßen in Vegas und der Sucht danach, alles verlieren zu können.
„Hört mal ihr Süßen, heute wird es eine kalte Wüstennacht da draußen. Sucht euch ein gemütliches Plätzchen und leistet mir Gesellschaft.“
Ihr Zwinkern konnte man förmlich hören. In seinen Gedanken vermutete er, sie würde nach einem frischen Gänseblümchenstrauß duften und sofort bereitete sich dieser Duft in seinem Auto aus. Zwischen der angelaufenen Scheibe und der zitternden Motelleuchtreklame genoss er die illusionäre Anwesenheit Bettys.
Elvis rollte über die Plattenteller und multiplizierte sich in den etlichen Zuhörern vor ihren Radios.
Und dennoch wünschte er sich, der einzige zu sein, der ihr lauschen durfte.
So eine Sehnsucht, wie sie in ihm auslöste, konnte er sich nicht erklären. Er kannte nur ihre Stimme und sie ließ ihn verrückt werden.
„Und wer jetzt sehnsüchtig zum wolkenlosen Himmel schaut, schickt jetzt einfach euren Liebsten eure Dankbarkeit über einen dieser Sterne zu, sie schauen sicher auch gerade zu den Sternen. Eure Sehnsucht ist nicht allein. Diese Nacht bin ich bei euch. Eure Betty Diamond bei DustVibeRadio!“
Wanda Jackson stimmte ein sanftes Lied an, um etwas tiefer in der Sehnsucht versinken.
Sein Bier lehrte sich Zug um Zug und seine Vorstellung, sie würden ihn besuchen, hier auf dem abgerockten Motelparkplatz. Oder er würde sie finden, hinter ihrem Mischpult, den Plattentellern. Mit der Echtheit der Stimme, die die Boxen niemals werden übertragen können.
Ihr einfach nur zu zu sehen, wie die Lippen die Worte sprechen, das Gold in ihrer Stimme glänzt.
Es summt fröhlich, als der nächste Song sich zwischen den Kabeln vorbei aus den Boxen zwängt. Unwillkürlich streichelt er das Bakelitlenkrad.
Seine Gedanken trieben sich umher. Vergruben sich in der kurvig perfekten Illusion.
„Hey, boys. Schenkt mir mal ein Lächeln in dieser einsamen Nacht. Sucht einen Hörer und ruft mich an. Vorerst lässt Elvis noch eine Runde mit uns tanzen.“
Es klickte und man hörte das Leiern der Nadel auf dem Vinyl, bis die raue Stimme betörend quietschende Töne durch das Radio schickte.
Er hob den Kopf. An der Stütze der Motelveranda hing ein mintfarbenes Ferntelefon. Lockte ihn mit dem Funkeln der Nacht und das gedimmte Licht sich zu trauen. Ein Wort zu wechseln und ganz kurz ihre gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu spüren.
Das Kullern des Geldes im Schlitz des Kastens schien über den ganzen Parkplatz zu hallen. Das Kabel des Hörers, mit Metall umfasst, verdrehte sich um sich selbst, als er es aus der Halterung nahm.
Die Farbe war abgegriffen und unter dem Mint stachen elfenbeinfarbene Blitzer hervor. Die Nummer vom Sender kannte er auswendig. Tippte sie ruhig mit den ebenfalls elfenbeinfarbigen Tasten ein. Das Knacken verriet, dass gewählt wurde. Hoffentlich kam der Anruf an und sie nahm wirklich ab.
„Von wo rufst du an und wer bist du, da am anderen Ende?“
Gold. Flüssiges Gold quetschte sich durch den Hörer in sein Ohr. Tropfte auf seinen Nacken und jagte eine Gänsehaut über seinen Körper. Und verrieb es mit seiner Melancholie. Sein ganzer Körper versteifte sich und vibrierte gleichzeitig. Regionen an ihm wurden heiß und das Feuer in ihm brannte endgültig.
Seine Stimme war tau vor Erregung seiner Sinne.
„Hin und wieder nennen die Leute mich Wyll. Momentan ziehe ich durchs Land und stehe knietief im Wüstensand.“
Ihre Stimme fühlte sich an wie Zucker, als sie kicherte.
„Du scheinst ein Whiskey-Freund zu sein, mein Lieber, deine Stimme ist rau wie die See.
Welches Wüstengold zieht dich an?“
Seine Lippen formten ein B und seine Gedanken waren dabei es zu vervollständigen, doch er hielt sich zurück. Doch statt das der Rausch abebbte, verstärkte es ihn.
„Der Sand zwischen den Zahnrädern muss frei gefahren werden und der Kopf jagt hinterher...
Solange es flüssiges Gold ist, reicht es für die nächsten Kilometer.“
„Du sprichst nicht etwa von der Freiheit?“ fragte sie interessiert.
„Wenn ich die Freiheit leben würde, könnte mich kein Mensch halten. Doch momentan schafft es ein Pol mich anzuziehen. Nur wohin begreife ich nicht. Kennen sie das, Betty?“
Sie schien beim Sprechen wieder zu grinsen. Seine Stimme hingegen klang weiterhin melancholisch.
„Etwas, dass das Blut zum Kochen bringt? Oh ja, mein Lieber, das ist mir nicht unbekannt.“
„Stillen sie diese Freiheit?“ raunte er gedankenverloren in den Hörer und so als wären sie völlig allein.
Das Schlucken der Moderatorin war zu hören. Seine Frage war zu direkt gewesen, dachte er sofort.
Er hatte nur auf das innerliche Zucken seiner Gedanken gehört. Auf das Gefühl, das durch seinen Körper jagte und sich zu sammeln schien.
Seine Gedanken trieben es mit der Nacht. Erzeugten kurze, ungestillte Sequenzen in seinem Kopf. Untermalt mit deiner rauen Melodie und ihrer Stimme.
Diese eine Sekunde in der keiner sprach und man nichts hörte, außer seinen schweren Atem, dehnte sich ins unermessliche. Begann Feuer durch seine Haut zu jagen und zwischen seinem Kopf und ihren Gedanken an Fahrt zu gewinnen.
Aus Reibung entsteht Wärme, die er in Wellen empfing. Die er deutlich spürte. Es brannte so sehr in seinem Körper. Er musste...
Da krachte der Plastikhörer in die klirrende Gabel.
Er entzog sich seiner Unfähigkeit ihr zu widerstehen, um seine Kontrolle wieder zu erlangen. Über seine Gedanken und seinen Körper. Nicht nur das ihm heiß wurde, seine Kleidung engte ihn plötzlich ein. Und sein Blut pulsierte heiß.
Sie würden ihn sowieso sofort vergessen. Wie viele Anrufer hatte sie jeden Tag? Genug, dass er nur einer von vielen war.
Er knöpfte sich erhitzt die ersten beiden Reihen seines Hemdes auf. Fuhr sich durch die Haare und starrte auf seine Füße am Münztelefon vorbei.
In der Nacht konnte er nur erahnen, was dieser kurze Wortwechsel mit ihm gemacht hatte und andauerte. Um sich selbst zu beherrschen, schob er seine Hände tief in die Hosentaschen und entlastete seine angespannte Haut vom Druck des Stoffes.
Er lehnte lässig am schwarzen Lack des Impalas. Die ersten Sonnenstrahlen bestrahlen den roten Sandberg hinter dem abgerockten Motel. Seine Zigarette glimmte im Halbschatten der Morgendämmerung. Der Rauch krallte sich in die letzten, feuchten, kühlen Schwaden der Wüstennacht, bevor die Hitze wieder alles zum Flimmern brachte. Wabernd zog er davon und löste sich allmählich auf.
Die letzte Nacht auf den Polstern seines Wagen waren heiß und unruhig gewesen. Schweiß gebadet war er zwischen dem verrauchten Leder und dem Bakelitlenkrad aufgewacht. Seine Träume waren heftig gewesen. Allein die Erinnerungen machten ihn atemlos und heiss. Und er war noch immer fiebrig. Seine Schläfen pochten genauso erhitzt wie die restlichen Venen in seinem Körper. Ließen seine Muskeln verkrampfen. Wenn der Traum der letzten Nacht Realität gewesen wäre, wäre dieses Fieber nur wie ein guter Kater nach einer durchzechten Nacht. Aber dieses Fieber war ein unkontrollierbares Verlangen. Was aus seinen Gedanken in seinen Körper tropfte und ihn zum dummen Ideen anstachelte.
Seine Sinne waren von der anstrengenden Nacht taub. Sein Baby war normalerweise unheimlich bequem, doch sich allein unruhig durch den Stoff zu wälzen, war darin nur quälend gewesen.

Trotzdem fragte er sich: Wie wäre es wohl gewesen? Er hätte die Kontrolle behalten, weitere Worte mit ihr gewechselt. Würde sie sich an ihn erinnern?
Die Spannung vom Vorabend spürte er aufkeimen. 

Er musste auf andere Gedanken kommen, weg aus der immer heißer werdenden Wüste.




1 Kommentare :

  1. Wow!!!! Was für ein toller Text und die Bilder!!! Die sehen Hammer aus. Unterstreichen auf ihre Art den Text. Super gelungen. Habe mich gut unterhalten gefühlt.
    Liebe Grüße,
    Mo

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